Der Artikel analysiert das literaturtheoretische Konzept der Intertextualität, das seit den 1960er Jahren in der Kultur- und Literaturwissenschaft und zunehmend auch in theologisch-exegetischen Studien verwendet wird. Julia Kristeva prägte den Begriff und verstand darunter die grundlegende Eigenschaft jeden Textes, sich als Mosaik von Zitaten und Transformationen anderer Texte zu konstituieren. Ihr texttheoretischer Ansatz grenzt sich bewusst vom zeitgenössischen Strukturalismus und von subjekttheoretischen Ansätzen ab, indem er weder Autor noch Leser als zentrale Kategorien nutzt. Die frühe Rezeption des Konzepts führte zu verschiedenen Konkretisierungen und Methodisierungen, insbesondere durch Gérard Genette, der zwischen unterschiedlichen Formen intertextueller Phänomene unterschied (Intertextualität, Paratextualität, Metatextualität, Architextualität, Hypertextualität). Broich und Pfister entwickelten eine differenzierte Systematik mit horizontalen und vertikalen Dimensionen sowie qualitativen und quantitativen Analysekriterien. Während Kristeva Intertextualität als allgemeine Textproperty beschreibt, verstehen rezeptionsorientierte Ansätze wie jene von Holthuis und Eco Intertextualität als Ergebnis der Textrezeption und Leserinterpretation. Der Artikel zeigt auf, wie das ursprünglich umfassende kulturtheoretische Konzept Kristevas in der Literaturwissenschaft zu einem methodisierbaren Analysekonzept für konkrete Textbeziehungen entwickelt wurde. Diese Differenzierungen ermöglichen es, gezielte Textanalysen durchzuführen und zu untersuchen, wie intertextuelle Bezüge in einem Text markiert und von Lesern erkannt werden. Das Konzept hat sich als besonders produktiv für die Analyse biblischer und theologischer Texte erwiesen, bei denen die Bezugnahmen auf andere Texte konstitutiv für das Textverständnis sind.