Der Artikel analysiert das evangelische Gottesdienstverständnis als kommunikatives Geschehen zwischen Gott und Gemeinde, das sich nicht auf formale Kriterien wie Zeit, Ort oder Person reduzieren lässt. Marcell Saß kritisiert die Engführung der Gottesdienststatistik auf sogenannte Zählsonntage, die andere bedeutsame Gottesdienstformen wie Kasualpredigten oder Schulgottesdienste vernachlässigt. Biblisch-theologisch wird die Pluriformität von Gottesdiensten fundiert, insbesondere durch Luthers Einsicht in die kommunikative Grundstruktur und die paulinische Überzeugung, dass Gottesdienst das ganze Leben umfasst. Luthers reformatorische Impulse, die gegen römische Missbräuche gerichtet waren, etablieren den Christusbezug, Gemeinschaftsbezug und Verständlichkeit als zentrale Kriterien. Die Reformationszeit führte zu einer Stärkung des verbalen Elements und der Predigt, was bis heute die Struktur evangelischer Gottesdienste prägt. Der Artikel zeigt, wie pietistische und aufklärungstheologische Impulse diese Linien fortsetzten und die Orientierung am Individuum verstärkten. Eine problematische Entwicklung war die Individualisierung und Homilitisierung des gemeinsamen liturgischen Betens. Aktuelle praktisch-theologische Arbeiten befassen sich produktiv mit der ästhetischen Dimension des Gottesdienstes und dessen religionspädagogischem Potential. Der Artikel verbindet liturgiegeschichtliche, theologische und religionspädagogische Perspektiven zur Grundlegung einer theoriebewussten Gottesdienstpraxis.