Der Artikel analysiert Geschichtskultur als geschichtsdidaktisches Konzept, das seit den 1980er Jahren durch die gesellschaftliche Pluralisierung von Geschichtsdeutungen an Bedeutung gewonnen hat. Während traditionelle Historikerinnen und Historiker ihre Gate-Keeper-Funktion verlieren, zeigt sich Geschichtskultur in vielfältigen medialen und sozialen Formaten wie Denkmälern, Museen, TV-Dokumentationen und Zeitzeugeninterviews. Geschichtskultur wird als praktisch wirksame Artikulation von Geschichtsbewusstsein definiert, die Gesellschaften ihre historische Selbstverständnis verdichtet. Thomas E. Fischer ergänzt rationalistische Definitionen um die Bedeutung von Gefühlen und Alltagsproduktion von Geschichte. Jörn Rüsen entwickelt Geschichtskultur als anthropologisch-universale Kategorie historischer Erinnerung, die zeitliche Orientierung und kollektive Identitätsbildung ermöglicht. Er dimensioniert das Konzept durch mehrere Prinzipien: die ästhetische Dimension folgt dem Prinzip der Schönheit, die politische dem der Macht und Legitimation, die kognitive dem der Wahrheit. Später erweitert Rüsen das Modell um moralische und religiöse Dimensionen, wobei religiöse Dimensionen auch in säkularen Geschichtskulturen vorhanden sein können. Der Artikel zeigt, wie Geschichtskultur sowohl empirische als auch normative Funktionen erfüllt und untrennbar mit politischen, sozialen und ökonomischen Strukturen verflochten ist. Hans-Jürgen Pandel überträgt die Kategorie schließlich auf den schulischen Unterricht.