Exerzitien sind methodisch angeleitete geistig-seelische Übungen, bei denen Menschen ihre Aufmerksamkeit auf spirituelle Themen, innere Regungen und Lebensfragen konzentrieren. Der Artikel definiert Exerzitien als mehrtägige, meist im Schweigen stattfindende Kurse in eigens dafür eingerichteten Häusern mit täglichen einstündigen geistlichen Übungen unter persönlicher Begleitung. Ignatius von Loyola (1491–1556), der Begründer der neuzeitlichen Exerzitienbewegung, entwickelte während seiner spirituellen Umkehr eine systematische Methode und schrieb das Grundlagenwerk aller Exerzitien, das "Exerzitienbuch". Die Exerzitien verfolgen drei zentrale Ziele: Neuordnung des Lebens, Führung in die Nachfolge Jesu und Vertiefung der Gottesbeziehung durch mystagogische Prozesse. Historisch stehen Exerzitien in der Tradition geistlicher Übungen von Mönchsvätern, der Devotio moderna und der Abtei Montserrat, wobei Ignatius diesen Traditionen einen methodischen und missionarischen Impuls gab. Anfangs nur von Jesuiten praktiziert, wurden Exerzitien später in Gruppen-Vorträgen vermittelt und erhielten einen katechetischen Charakter. Seit den 1950er-Jahren erfolgte eine Wiederentdeckung der Einzelexerzitien mit individueller Begleitung, was tiefere und persönlichere Prozesse ermöglichte. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil erlebten Exerzitien einen großen Aufschwung als spirituelle Bewegung und wurden wichtig für die ökumenische Verständigung zwischen katholischen und reformatorischen Kirchen. Die theologischen Akzente haben sich verschoben: Weniger Fokus auf Sünde und Vergebung, stärker auf Heilung, Befreiung und Wegweisung im persönlichen inneren Prozess. Exerzitien gelten als Lernorte religiöser Bildung und sind in ihrer Ausrichtung grundlegend pädagogisch.