Bernhard Dressler analysiert in seinem Artikel den Bildungsbegriff als ein durch inflationäre Verwendung bedrohtes, aber dennoch unverzichtbares theoretisches Konzept. Seit dem PISA-Schock 2000 wird Bildung in Deutschland zunehmend auf alle Formen des Lehrens und Lernens angewendet, wodurch der präzise Gehalt des Begriffs gefährdet ist. Der Autor unterscheidet zwischen stofflich-materialen, formalen und funktionalistischen Deutungen von Bildung und kritisiert deren ökonomische Instrumentalisierung. Im Gegensatz dazu wird Bildung im anspruchsvollen Sinne als Befähigung zur mündigen Teilhabe am kulturellen Leben verstanden, wie sie Schleiermacher und Wilhelm v. Humboldt konzipiert haben. Bildung unterliegt einer Paradoxie: Sie kann nur funktional sein, wenn sie nicht nur funktional ist. Der Bildungsbegriff ist historisch in der deutschen Idealismus- und Romantiktradition verankert und lässt sich nicht ohne Weiteres in andere Sprachen übersetzen, da es etwa im Englischen kein Äquivalent für das deutsche Verständnis von Bildung gibt. Dressler argumentiert, dass der Bildungsbegriff seine Distinktionskraft bewahren sollte, um die Autonomie von Lernenden gegen enge Zweckkalküle zu schützen. Die theologische Herleitbarkeit von Bildung aus der Gottebenbildlichkeit wird erwähnt, bleibt aber unterexpliziert. Insgesamt plädiert der Artikel dafür, Bildung als Prozess der wechselseitigen Vermittlung von Individualität und vielgestaltigen Weltbezügen zu verstehen, der Menschen stärkt, indem er die Sachen klärt und ihre Urteilskraft entwickelt.