Der Münchener Liturgiewissenschaftler hält selbsternannte moralische Instanzen für problematisch. Auch die Kirche soll sich nicht über die Gesellschaft erheben, sondern bereit sein, ihr zu dienen. Diese Aufgabe übernimmt sie dort, wo sie in der Gesellschaft prophetisch handelt und ein prophetisches Zeichen ist. Dass dies auch in einer religiös pluralistischen Gesellschaft sinnvoll, notwendig und möglich ist, erschließt der Beitrag im Blick auf das gottesdienstliche und rituelle Handeln der Kirche. Für den Münchener Moraltheologen Konrad Hilpert fällt der Kirche in der modernen Gesellschaft „die Aufgabe zu, Ressourcen an sinnbezogener Deutung, lebensprägende Motive und Einstellungen […], soziale Bindekräfte […], aber auch symbolische Repräsentationen in den kulturellen Prozeß einzubringen, die der weltanschauungs-, aber nicht wertneutrale Staat aus Gründen der Achtung der Religions-, Glaubens- und Gewissensfreiheit nicht bereitstellen darf“1. Die Kirche soll also Orientierung geben, wo der pluralistische Staat von seinem eigenen Selbstverständnis her an Grenzen kommt und kommen muss. Sie steht nicht über den für alle verbindlichen Gesetzen, aber soll etwas zur Verfügung stellen, das jenseits dieser Gesetze und Ordnungen offensichtlich für das Leben der Gesellschaft und der Individuen hilfreich oder sogar notwendig ist. Wenn dieser Beitrag der Kirche zum Leben der Gesellschaft etwas ist, was die rechtliche Ordnung übersteigt, darf er gerade nicht mit den Mitteln des Rechts oder gar mit Gewalt durchgesetzt werden, sondern muss durch jene Autorität zum Strahlen kommen, die der Kirche durch ihre eigene Glaubwürdigkeit und die Glaubwürdigkeit ihres Lebenszeugnisses zukommt. Von daher ist es verständlich, wenn der Wunsch wach wird, die Kirche möge doch so etwas wie eine moralische Instanz in der Gesellschaft sein. Nun ist dieser Begriff nicht klar definiert. Der hohe ethische Anspruch, der mit diesem Ausdruck verbunden wird, und der allgemeine Sprachgebrauch legen die Frage nahe, ob das, was Konrad Hilpert gemeint hat, nicht eher als prophetische Aufgabe der Kirche anzusprechen ist. Im Folgenden soll gezeigt werden, warum die Kirche gut beraten ist, sich nicht selbst das Ziel zu setzen, eine moralische Instanz in der Gesellschaft zu sein, sondern zu versuchen, ihre prophetische Sendung in die Welt hinein ernst zu nehmen. Dass gerade in einer säkularisierten Gesellschaft Gebet und Gottesdienst Medium dieses prophetischen Handelns sein können, soll aufgezeigt werden, ohne dass die damit verbundenen Risiken aus-