Der Artikel analysiert die römische Bischofssynode als Beleg dafür, dass die katholische Kirche in der postmodernen Wirklichkeit angekommen ist. Papst Franziskus artikuliert dies deutlich, wenn er beschreibt, wie unterschiedlich Bischöfe verschiedener Kontinente Normalität, Recht und Gewissensfreiheit bewerten – was dem einen als skandalös erscheint, ist für den anderen selbstverständlich. Diese Beispiele offenbaren nicht nur oberflächliche Differenzen, sondern tiefe Widersprüche in den grundlegenden Bereichen kirchlicher Autorität: dem Amt, der juridischen Ordnung und dem persönlichen Gewissen.
Darüber hinaus praktiziert Franziskus eine „Pluralisierung des Wirklichkeitsbegriffs", wenn er vom Versuch spricht, „die Wirklichkeiten" (nicht: die Wirklichkeit) mit Gottes Augen zu sehen. Er wendet sich gegen einen dogmatischen „Logozentrismus", der Buchstaben, Formeln und Ideen absolut setzt, und plädiert stattdessen für einen Primat des Geistes, des Menschen und der unbegrenzten Barmherzigkeit Gottes. Dies bedeutet nicht relativistischen Verzicht auf Lehre, sondern ihre Unterordnung unter die Leitidee der Liebe.
Der Autor zieht die zentrale Konsequenz: Die katholische Kirche ist nicht eine, sondern viele. Sie beherbergt die gleichen unüberwindbaren Differenzen, die pluralen Wirklichkeiten und persönlichen Konflikte wie die Gesellschaft insgesamt – auch Kardinäle führen Meinungskämpfe mit „nicht gänzlich wohlwollenden Methoden". Die moderne Illusion einer konfliktfreien Institution weicht der Realität. Für Franziskus geht es nicht darum, gegen die Postmoderne zu kämpfen, sondern in ihr zu bestehen: durch die Erkenntnis, dass Relativierungen keine Relativismen sind, dass Kirche heute nur noch durch Glauben statt tridentinische Ekklesiologie geführt werden kann, und dass dieser Glaube in der Einheit von Gottes- und Nächstenliebe gründet.