Drei engagierte Kirchengemeinderatsmitglieder werden durch die anhaltenden Meldungen des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche in ihren ekklesiologischen Grundfesten erschüttert. Statt sich isoliert mit ihrer Krise auseinanderzusetzen, verabreden sie sich zu Gesprächen über ihre gemeinsame Suche nach einem neuen Ort in der Kirche. Dies führt zur Gründung der Gesprächsreihe „Kirche neu denken" in Kooperation mit der katholischen Erwachsenenbildung Reutlingen, die an drei Abenden die Themen sexueller Missbrauch, Sexualmoral und Machtmissbrauch sowie Klerikalismus behandelt.
Die Veranstaltungen werden zum Ort geteilter Erfahrungen: Teilnehmende verschiedener Generationen berichten von historischen Traumatisierungen durch rigide Sexualmoral und aktuellen Grenzüberschreitungen. Besonders deutlich wird die existenzielle Dimension der Krise – Menschen müssen entscheiden, ob sie in dieser Kirche bleiben können. Die Diskutierenden erleben eine fundamentale Erschütterung: Zentrale Begriffe wie „Vertrauen", „Amt" und „Dienst" haben ihre Bedeutung verloren und müssen neu bestimmt werden.
Entscheidend ist die Erkenntnis, dass es nicht um marginale Reformen geht, sondern um eine grundlegende Neubestimmung des Selbstverständnisses der Kirche. Die Teilnehmenden identifizieren hilfreiche zivilgesellschaftliche Konzepte – Gewaltfreiheit, Transparenz, Gewaltenteilung, Menschenrechte, Verantwortung – die aus der kirchlichen Tradition weitgehend ausgewandert sind. Sie erwarten nicht nur, dass sie selbst diese Werte vertreten, sondern dass sich das kirchliche Lehramt damit auseinandersetzt und sie sich zu eigen macht. Die gemeinsame Auseinandersetzung mit erlittenem Leid und Ideen zur Veränderung gibt Hoffnung und zeigt: Die Krise kann auch zum Anlass einer tiefgreifenden theologischen und strukturellen Erneuerung werden.