Der Artikel kritisiert die aktuelle kirchliche Diskussion zum Verbot der Segnung homosexueller Paare, weil sie sich in Detailargumentation verliert und dabei ein grundsätzliches methodisches Problem übersieht. Der Autor zeigt historisch auf, wie die katholische Kirche früher die Bibel als primär historisches Dokument auslegte und dabei in absurde Positionen geriet – etwa bei der Datierung des Juditbuches, das Dom Augustin Calmet nur dadurch „retten" konnte, dass er Judit 60-65 Jahre alt sein ließ. Irgendwann erkannte die Kirche, dass die Bibel nicht in jedem Detail historisch nachweisbar sein muss, um Bibel zu sein. Dieses „Stück" – das hermeneutische Grundgerüst – wurde hinterfragt und verworfen.
Heute wiederholt sich ein ähnliches Problem. Die gegenwärtige Argumentation gegen Seegnungen homosexueller Paare beruht auf dem impliziten „Stück": „Die moralischen Bewertungen der Bibel sind überzeitlich richtig und daher bindend für heutige Entscheidungen." Der Autor weist nach, dass diese Position methodisch hinter das lehramtliche Dokument von 1993 „Die Interpretation der Bibel in der Kirche" zurückfällt, das eindeutig formuliert, dass Gottes Botschaft von ihrer geschichtlichen Bedingtheit losgelöst und auf gegenwärtige Verhältnisse neu bezogen werden muss. Die Kirche kann sich dieser Interpretationsaufgabe nicht durch den Verweis „In der Bibel steht aber…" entziehen. Stattdessen sollte sie sich von einem neuen „Stück" leiten lassen: einem Gott, der alle Menschen segnet, noch bevor er ihnen Aufgaben erteilt.