Der Autor reflektiert über ein Foto vom Ad Limina-Besuch der deutschen Bischöfe im Vatikan, das die hierarchischen Strukturen der katholischen Kirche auf bemerkenswerte Weise visualisiert. Die Bischöfe sitzen in einem großen Stuhlkreis, während Bischof Georg Bätzing als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz allein am Mikrofon vor dem Papst steht. Diese Anordnung lässt sich wie ein Vexierbild auf zwei völlig unterschiedliche Weisen interpretieren: Einerseits wirkt die Szenerie wie eine erniedrigende Schulklasse unter päpstlicher Aufsicht, wo der einzelne Bischof wie ein Angeklagter vor Gericht verhört wird und sich der absoluten päpstlichen Jurisdiktionsgewalt unterwerfen muss. Andererseits kann dieselbe Situation als Moment der Freimut (parrhesia) gelesen werden, in dem ein Bischof aufrecht und offen vor dem Papst für seine Überzeugungen eintritt – nicht als Privatmeinung, sondern als Vertreter des sensus seiner Ortskirche und darüber hinaus der Weltkirche.
Der Autor zieht eine Analogie zu Martin Luther in Worms, wobei er diese Parallele als prekär eingesteht. Entscheidend ist für ihn eine Perspektivverschiebung: Nicht Rom spricht in diesem Moment, sondern die Peripherie. Das Fernbleiben des Papstes am nächsten Tag beim Gespräch mit Kurienkardinälen wird ebenfalls ambivalent gedeutet – entweder als Geringschätzung oder als kluger Schachzug, um offene Diskussionen zu ermöglichen. Tatsächlich ereignet sich bei diesem Treffen etwas Novum: Deutsche Bischöfe lassen sich nicht beeindrucken, nehmen römische Direktiven nicht folgsam entgegen, sondern führen echte Diskussionen. Dies signalisiert einen Wandel in der Kirchendynamik, wo die Peripherie nicht länger bloß gehorsam ist.