Der Artikel argumentiert, dass die Synode 72 der Schweizer Katholischen Kirche bereits in den 1970er Jahren, inspiriert vom Zweiten Vatikanischen Konzil, eine grundlegende Neuausrichtung der Kirche auf der Basis von Mitverantwortung und Partizipation aller Gläubigen forderte. Die damaligen Texte zeigen, dass Mitsprache nicht nur individuelles Recht, sondern auch Pflicht ist, und dass entsprechende strukturelle Institutionen notwendig sind – bei gleichzeitiger Anerkennung der besonderen Rolle der Amtsträger. Diese Forderungen sind heute relevanter denn je, da die Kirche bis heute von pyramidalen Hierarchien und klerikaler Kultur geprägt bleibt.
Der Autor konstatiert eine wachsende Spannung zwischen der evangelischen Botschaft universaler Menschenliebe und den autoritären Leitungsstrukturen der Kirche. Besonders Frauen und engagierte Laien erleben diesen Widerspruch als schmerzhaft. Die Aufdeckung von Machtmissbrauch und sexualisierter Gewalt zeigt zudem, dass strukturelle Defizite – fehlende Machtbegrenzung und Kontrolle – systemische Ursachen haben. Der Mangel an echter Partizipation behindert die Glaubensvermittlung und führt zu einer Glaubwürdigkeitskrise, die die Zukunftsfähigkeit der Kirche bedroht.
Der Artikel plädiert für tiefgreifende Reformen: Mitentscheidung, Geschlechtergerechtigkeit, Machtbegrenzung und Überwindung des Klerikalismus sind nach Ansicht des Autors nicht zeitgeistige Forderungen, sondern entsprechen dem Willen Gottes und dem evangelischen Auftrag. Gleichzeitig warnt er vor drei verbreiteten Missverständnissen: erstens der Erwartung, Strukturreformen könnten den kirchlichen Niedergang aufhalten; zweitens der Hoffnung auf schnelle Lösungen angesichts tief verwurzelter dogmatischer und kultureller Probleme; und drittens einer Überbetonung des Institutionellen ohne Fokus auf die Kirche als Gemeinschaft von Jesusnachfolgern.