Die deutschsprachige Schweiz hat 2017/18 mit der Einführung des Lehrplans 21 einen bildungspolitischen Wendepunkt gesetzt: Das neue Fach „Ethik-Religionen-Gemeinschaft" (ERG) etabliert einen bekenntnisunabhängigen, religionskundlich orientierten Unterricht für alle Schüler:innen als Pflichtfach. Dies markiert einen grundsätzlich anderen Weg als Deutschland mit seinen bekenntnisorientierten Ansätzen. Der vorliegende Beitrag nimmt fünf Jahre nach der Reform eine detaillierte Zwischenbilanz vor und fragt, wie das innovative Fach didaktisch konzipiert ist und welche Chancen und Herausforderungen sich in der Praxis zeigen.
Besondere Aufmerksamkeit gilt dem didaktischen Konzept der Sprachsensibilität, das Schüler:innen ermöglicht, einen bewussten Perspektivenwechsel zu religiösen und weltanschaulichen Fragen einzuüben – eine zentrale Kompetenz in einer pluralen Gesellschaft. Der Text kontextualisiert diese Entwicklung in der europäischen Bildungslandschaft, wo trotz säkularer Trends religiöse Bildung einen unvermindert wichtigen Stellenwert besitzt. Dabei wird die historische Entwicklung in der Schweiz nachgezeichnet: vom konfessionellen Religionsunterricht über ein „Zwei-Säulen-Modell" (bekenntnisgebunden und bekenntnisunabhängig an der Schule) zum aktuellen „Drei-Säulen-Modell", das zusätzlich bekenntnisgebundenen Unterricht an kirchlichen Lernorten einbezieht. Der Beitrag dokumentiert damit eine lebendige Laborsituation der religiösen Bildungslandschaft Schweiz, die zeigt, wie modernem Religionsunterricht in weltanschaulich neutralen, religiös pluralen Staaten konkret Gestalt geben lässt.