Der Artikel behandelt das biografische Lernen als zentrales Element der Religionslehrerbildung. Pirker geht davon aus, dass jedes sinnvolle religiöse Lernen biografisches Lernen ist und dass die biografische Perspektive inzwischen als religionsdidaktisches Prinzip etabliert ist. Im ersten Teil wird die Biografieorientierung in der Religionslehrerbildung grundlegend erörtert. Das Lernen an der eigenen Biografie findet besonders in der Begegnung mit fremden Biografien statt und wird als Langzeitforschung verstanden, die Einblicke in berufsbiografische Reflexionsprozesse ermöglicht. Der zweite Teil analysiert Biografie im Kaleidoskop verschiedener Disziplinen. Dabei werden drei zentrale Fragen gestellt: „Wie bin ich geworden?" (Blick auf die Quellen), „Wer bin ich heute?" (Blick auf Richtung und Tempo) und „Wie werde ich in Zukunft?" (prospektive Dynamik). Biografisches Lernen wird als Fluchtlinie einer religionspädagogischen Konzeption verstanden, die bildend auf Subjektwerdung abzielt. Eine wichtige Unterscheidung wird zwischen bewusster biografischer Erzählung und spontanem Handeln getroffen. Biografien sind nicht identisch mit dem faktischen Leben, sondern stellen ein „gedeutetes Leben" dar. Sie sind veränderlich und kontextgebunden. Aus sozialpsychologischer Perspektive werden biografische Kernnarrationen analysiert – jene Selbsterzählungen, mit denen Menschen ihrem Leben Sinn verleihen. Diese bestehen aus stimmigen Narrationen, die sich an Mustern wohlgeformter Narration orientieren. Heiner Keupp entwickelt ein dreistufiges Modell mit dominierenden Teilidentitäten, Identitätsgefühl und biografischen Kernnarrationen. Soziologisch wird die Unterscheidung zwischen biografischer Identität (retrospektiv, kontinuitätsorientiert) und UKO-Identität (unmittelbar, kontextbezogen, operativ) nach Jean-Claude Kaufmann dargestellt. Beide Modalitäten sind notwendig und oszillieren im Individuum mit unterschiedlichem Schwerpunkt. Aus praktisch-theologischer Perspektive werden christliche Signaturen herausgearbeitet. Die christliche Religion fordert Lernprozesse, bei denen die individuelle Biografie im Zentrum steht, da sie die Beziehung des Einzelnen zu Gott betont. Krisen und Übergangssituationen sind besonders fruchtbar für religiöse Fragen. Die Unverfügbarkeit des Lebens und eschatologische Vollkommenheit stehen psychologischen Bemühungen um stimmige Narrationen entgegen. Institutionelle Verwobenheit ist zentral: Biografisches Lernen findet im Feld zwischen Individuation und Vergesellschaftung statt. Besondere Bedeutung kommt der eigenen Religiosität von Lehrkräften zu – nicht nur bezüglich ihrer Intensität, sondern ihres qualitativen Reflexionsgrades. Der Artikel endet mit konkreten Impulsen für die Praxis: Biografische Impulse brauchen mehrere Stufen, Erfahrungsräume und sensible didaktische Gestaltung. Ein mehrjähriges Portfolio, in dem Studierende ihre Biografie wiederholt reflektieren, wird empfohlen. Die zentrale Phase für religionspädagogische Professionalisierung liegt in Studium und Referendariat, wobei Praxissemester besondere Gelegenheiten bieten. Letztlich wird biografisches Lernen in der Religionslehrerbildung als Prozess spiritueller Formation verstanden.