Der Artikel behandelt den Hamburger Weg des Religionsunterrichts für alle (RUfa) bzw. Dialogischen Religionsunterrichts (DRU) als Beispiel kontextueller Religionspädagogik. Knauth zeigt, dass sich der RUfa Anfang der 1990er Jahre als Resultat intensiver Kooperation zwischen der Nordelbischen-Lutherischen Kirche, Hamburger Religionsgemeinschaften, der Universität Hamburg und anderen Akteuren entwickelte. Der historische Kontext wird deutlich: Während die Katholische Kirche auf eigenen Religionsunterricht verzichtete und andere Religionsgemeinschaften kein Religionsunterrichtsrecht wahrnahmen, wurde der evangelische Religionsunterricht zur Schule für alle Schüler/-innen. Die religiöse und kulturelle Pluralisierung der Stadt führte zur Notwendigkeit einer dialogischen Neuausrichtung des Faches. Der DRU wird konzeptionell als dialogisches und schülerorientiertes Lernen begründet, das auf der „religiösen Ansprechbarkeit" von Lernenden basiert. Die Pluralität subjektiver Bekenntnisse wird als konstitutives Merkmal verstanden. Der Ansatz verpflichtet sich einer dialogischen Theologie, die Absolutheitsansprüche relativiert und Anerkennung des Anderen sowie Bescheidenheit in der Wahrheitsfrage betont. Der Artikel warnt jedoch vor einer konzeptionellen Neuausrichtung (RUfa 2.0) nach Abschluss neuer Staatsverträge mit islamischen, alevitischen und jüdischen Gemeinschaften. Diese Neuausrichtung tendiere dazu, das Modell einem konfessionell-kooperativen Religionsunterricht anzunähern, indem religionsspezifische Phasen des Lernens ausgeweitet und gemeinsame dialogische Phasen reduziert werden. Knauth argumentiert, dass dies das Potenzial des bisherigen DRU gefährde, das in der Offenheit für individuelle, auch hybride und fragmentarische religiöse Sichtweisen von Schüler/-innen liegt. Er fordert, die bewährten 25 Jahre dialogischer Entwicklungsarbeit konzeptionell zu berücksichtigen und die dialogische Form des Religionsunterrichts zu erhalten.