Der Artikel befasst sich mit der bislang unterbelichteten Frage, wie nicht-christliche Vorbilder im christlich-konfessionellen Religionsunterricht für biografisches Lernen genutzt werden können. Die Autorin identifiziert ein grundlegendes Problem: Während biografisches Lernen etabliert ist und auch nicht explizit religiöse Persönlichkeiten einbezieht, bleibt das explizit theoretische Nachdenken über die interreligiöse Dimension aus. Der christlich-theologische Deutungshorizont wird oft unreflektiert auf nicht-christliche Biografien angewendet, wodurch deren spezifische religiöse Dimension nivelliert wird. Der Artikel differenziert konzeptionell zwischen dem interreligiösen Lernprinzip der Personalisierung und der biografisch-bemerkenswerten Episode. Personalisiertes Lernen zielt auf identifikatorisches Verstehen ab, während biografisches Lernen moralisch bemerkenswerte Entscheidungssituationen fokussiert, die zu existenzieller Orientierung führen können. Am Beispiel Malala Yousafzais wird aufgezeigt, wie ein nivellierender, Religionen übergreifender Zugang auf Basis von Werthaltungen zwar Identifikation ermöglicht, aber die spezifische islamische Motivierung und kulturelle Fremdheit verschleiert. Die Autorin schlägt vor, diese Fremdheit bewusst hervorzuheben – etwa durch Analyse von Malalas traditioneller Kleidung und ihrer expliziten Bezüge zum Islam. Im zweiten Teil wird Karlo Meyers Konzept des „existenziellen Potenzials" herangezogen, das die Kombination emischer (Innenperspektive der religiösen Tradition) und etischer (Außenperspektive) Perspektiven fordert. Am Beispiel der Legende von Buddhas vier Ausfahrten wird konkretisiert, wie solche biografischen Episoden durch doppelperspektivische Erschließung kritische Denkanstöße bewirken können, die existenzielle Fragen der Schülerinnen und Schüler (Umgang mit Leiden, Vergänglichkeit) aufgreifen, ohne dabei zu vereinnahmen. Der Artikel zeigt, dass interreligiöses Lernen an Biografien möglich ist, wenn bewusst zwischen Christian und anders-religiöser Perspektive unterschieden und diese produktiv verschränkt werden.