Der Artikel befasst sich mit der Bedeutung kirchengeschichtlichen Lernens im Religionsunterricht, das bislang als unterrepräsentiert gilt. Stefan Bork argumentiert, dass Kirchengeschichte bei Schülern und Lehrpersonen wenig Anklang findet, was auf mangelnde Berücksichtigung in der Kirchengeschichtsdidaktik und Religionspädagogik zurückzuführen ist. Allerdings liegen große Potenziale in diesem Lernbereich. Der Artikel führt die zentrale Kategorie der "Kirchengeschichtskultur" ein, die sich von traditionellem "Historismus" unterscheidet. Während Historismus eine vermeintlich objektive Darstellung anstrebt, versteht man Geschichte heute als subjektive (Re-)Konstruktion des Betrachters. Kirchengeschichtskultur bezeichet die Art und Weise, wie Mitglieder einer Gruppe oder Gesellschaft mit Kirchengeschichte umgehen – welche Blickwinkel sie wahrnehmen, wie sie sich selbst in der Zeit verorten und wie sie ihre Erfahrungen neu konstruieren und praktisch umsetzen. Bork knüpft an Karl-Ernst Jeismans Konzept des "Geschichtsbewusstseins" an und unterscheidet zwischen bewusster (Geschichtsfassung) und unbewusster (Geschichtsprägung) Auseinandersetzung mit Geschichte. Die Kirchengeschichtskultur fungiert als soziales System, in dem Institutionen, Gruppen und Einzelpersonen durch Medien (Publikationen, Kunst, Musik, Denkmäler) Geschichtsbilder vermitteln, die auf Mentalitäten und Denkweisen einwirken. Der Autor kündigt ein Dissertationsprojekt an, das kirchengeschichtliches Lernen mit Fokus auf das Verhältnis von historischem und religiösem Lernen untersucht. Besondere Aufmerksamkeit gilt kirchengeschichtskulturellen Phänomenen im Religionsunterricht, konkret anhand des historischen Romans. Bork begründet die Schwerpunktsetzung mit drei Argumenten: Erstens bedienen narrative Darstellungen den narrativen Charakter geschichtlichen Lernens. Zweitens zeigt sich ein ambivalentes Verhältnis von Kindern und Jugendlichen zur (Kirchen-)Geschichte, besonders bei Popkultur-Medien wie Film und Literatur. Drittens beeinflussen kirchengeschichtskulturelle Erzählungen das kirchenhistorische Bewusstsein – unbewusst aufgenommene Inhalte wie in Romanen müssen bewusst reflektiert werden, um manipulative Einflüsse durch Regisseure, Journalisten oder Autoren zu erkennen. Das Beispiel "Dan Brown macht dann ihre (Glaubens-)Geschichte" illustriert diese Problematik.