Der Artikel beschreibt ein Kooperationsprojekt des Instituts für Neutestamentliche Bibelwissenschaft und des Instituts für Katechetik und Religionspädagogik an der Katholisch-Theologischen Fakultät Graz. Ausgangspunkt ist die Forderung nach verstärkter Zusammenarbeit zwischen Bibelwissenschaft und Religionspädagogik. Der Artikel problematisiert zunächst die aktuelle Praxis des Religionsunterrichts: Während biblische Texte als wichtigstes Feld der Tradierung gelten, werden sie im Unterricht der Sekundarstufe oft nur oberflächlich oder unter vorgegebenen thematischen Fokussen behandelt. Das Forschungsprojekt unter Leitung von Wolfgang Weirer und Josef Pichler verfolgt das Ziel, ein narratologisches Instrumentarium – speziell die Analyse der Perspektivenstruktur – für bibeldidaktische Unterrichtskonzepte zu adaptieren. Diese Methode ermöglicht es, verschiedene Einstellungen, Verhaltensweisen und Handlungen von Figuren in biblischen Erzählungen wahrzunehmen und zu analysieren. Dadurch können Leserinnen und Leser die im Text präsentierte Welt methodisch reflektiert entdecken und werden als „aktive Konstrukteure des Auslegungsgeschehens" verstanden. Das methodische Vorgehen folgt einem explorativen Mixed-Methods-Ansatz mit Methodentriangulierung: Religionslehrerinnen und -lehrer werden mit dem Konzept vertraut gemacht, Unterrichtsstunden werden videographiert, Lehrerinnen-Interviews und Gruppendiskussionen durchgeführt sowie teilnehmende Beobachtung eingesetzt. Die Daten werden mittels Grounded Theory analysiert. Die Forschungsfrage lautet, was geschieht, wenn Schüler und Schülerinnen der Sekundarstufe I und II der Emmauserzählung mit Hilfe der Perspektivenanalyse begegnen, wie sich dieser Prozess gestaltet und was sich über den Rezeptionsprozess aussagen lässt. Das gemeinsame Anliegen bleibt die Suche nach Möglichkeiten, wie biblische Texte im Sinne einer kreativen Konfrontation von Evangelium und Mensch zugänglich gemacht und wie die Auslegungskompetenz von Schülerinnen und Schülern gefördert werden kann.