Der Artikel behandelt die Frage, wie biblische Wundererzählungen im Religionsunterricht verstanden und vermittelt werden können. Ausgehend von einer rezeptionshermeneutischen Perspektive werden zunächst fünf Bedeutungsschemata des Wunderverstehens erarbeitet: Supranaturalismus, Rationalismus, Funktionalismus, Innerlichkeit und „Fremde Welten". Darauf aufbauend werden sechs Denkschemata entwickelt, die zeigen, wie Schülerinnen und Schüler Wundererzählungen tatsächlich verstehen: das wörtliche Denkschema, das kritisch-rationale, das kognitiv-naturwissenschaftliche, das ästhetische und das verbindende, übernatürliche Denkschema. Der Autor betont, dass Wunderverstehen nicht universell gültige Entwicklungsstufen folgt, sondern stark durch kulturelle Einflüsse, autonome und interaktionistische Faktoren geprägt wird. Die empirische Analyse videografierter Unterrichtsstunden zeigt konkrete Unterrichtspraxis: Bei der Erarbeitung der Heilung eines Aussätzigen werden Simulationen, narrative Vermittlung und Schülerbeispiele genutzt, um verschiedene Wunderverständnisse aufzugreifen und zu erweitern. Vier grundlegende Aufgaben der Wunderdidaktik werden identifiziert: subjektorientierte Wahrnehmung von Schülervorstellungen, sachgerechte theologische Deutungen, symbolisierende Gestaltung von Lernprozessen und Verständigungsorientierung. Der Artikel plädiert für einen differenzierten Unterricht, der profane und religiöse Wunderverständnisse nicht gegeneinander ausspielt, sondern Verständigung zwischen ihnen ermöglicht und Schülerinnen und Schüler bei der Weiterentwicklung ihrer Denkschemata unterstützt.