Konstantin Lindner bietet einen umfassenden Überblick über die religionspädagogische Forschung zu ethischem Lernen und Wertebildung im deutschsprachigen Raum. Der Artikel gliedert sich in zwei Hauptteile: einen empirischen Fokus und einen hermeneutischen Fokus. Im empirischen Teil analysiert Lindner zunächst religionssoziologische Studien (Shell-Jugendstudie, ALLBUS, European Values Survey), die zeigen, dass religiöse Werte für Jugendliche weniger wichtig sind als persönliche Autonomie und Familie. Dennoch lässt sich ein signifikanter Zusammenhang zwischen Religionszugehörigkeit und bestimmten religiösen Wertorientierungen ausmachen. Besonders hervorzuheben ist, dass zwischen positiver Einstellung zu Religion und Wertschätzung sozialen Engagements ein enger Zusammenhang besteht. Ein zweiter empirischer Schwerpunkt untersucht die Wahrnehmung von Wertebildung durch Religionslehrerinnen und -lehrer, die diese mehrheitlich als wichtigen Bestandteil ihres Unterrichts einstufen. Als drittes wird aufgezeigt, dass die Unterrichtsforschung zu ethisch ausgerichteten Lernprozessen noch am Anfang steht. Der hermeneutische Teil behandelt die Frage nach dem spezifischen Proprium ethischen Lernens im Religionsunterricht. Lindner argumentiert für den Begriff „Wertebildung" statt „Werteerziehung", da dieser dem Subjekt stärker gerecht wird und ein freiheitlich-christliches Glaubensverständnis unterstützt. Der Artikel betont, dass ethisches Lernen zwar ein gesellschaftlich bedeutsamer Beitrag ist, aber nicht das alleinige Proprium des konfessionellen Religionsunterrichts darstellt. Vielmehr liegt das Spezifikum darin, ethische Entscheidungen im Licht des christlichen Horizontes zu beleuchten. Im abschließenden praktischen Teil werden drei intensiv erforschte Optionen für Wertebildung im Religionsunterricht präsentiert: (1) Lernen an Dilemmata – ein zentraler und leicht realisierbarer Weg ethischen Lernens; (2) Lernen an fremden Biographien – motiviert ethische Sachverhalte im Kontext der eigenen Biographie zu reflektieren; (3) Compassion-Projekte – verknüpfen praktisches Handeln in sozialen Einrichtungen mit theologischer Reflexion und erhöhen die Bereitschaft zu prosozialem Verhalten. Lindner konstatiert abschließend, dass die religionspädagogische Forschung zu ethischem Lernen/Wertebildung in den letzten Jahren wieder an Fahrt gewinnt. Er identifiziert aber auch offene Forschungsfragen: Wie können hermeneutisch-normative religionsdidaktische Überlegungen produktiv in die Praxis transformiert werden? Welche Rolle spielen die Alltagstheorien von Lehrerinnen und Lehrern? Der Artikel unterstreicht die interdisziplinäre Relevanz des Themas und dessen gesellschaftliche Bedeutung.