Gottfried Bitter verfolgt die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte des religionspädagogischen Themenstrangs "Erfahrung und Glaube" vom Ende der 1950er bis zur Gegenwart. Mit der Metapher eines sich verbreiternden Stroms mit vielen Quellgebieten und Nebenflüssen beschreibt der Autor, wie dieser Diskurs entstanden ist und sich verändert hat. Als Ausgangspunkte nennt er die neue empirisch-orientierte Rationalität in den Humanwissenschaften, die pädagogische Anthropologie von Bollnow und Langeveld, Hans-Georg Gadamers hermeneutische Philosophie sowie die Kirchenreformen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965). Wichtige Zubringer zum Hauptstrom sind Karl Rahner mit seinem symmetrischen Dialog zwischen Leben und Glaube sowie Edward Schillebeeckx mit seiner theologischen Hermeneutik. Auch Gerhard Ebeling trägt wesentlich bei mit seiner Betonung persönlicher Erfahrungen im Glaubensprozess. In den 1960er/1970er Jahren führten diese Überlegungen zu neuen Lehrplankonzepten: Der "Rahmenplan für die Glaubensunterweisung" (1967) und besonders der "Zielfelderplan für die Sekundarstufe I" (1973) verwirklichen erstmals die Forderung, Lernziele und Lernorganisation von den Erfahrungen der Schüler her zu konzipieren. Hubertus Halbfas prägt das Feld mit seiner "Fundamentalkatechetik" (1968) unter dem Titel "Sprache und Erfahrung im Religionsunterricht". In der evangelischen Religionspädagogik schlägt Klaus Wegenast 1968 die "empirische Wendung" vor. Daraus entsteht das "Tübinger Konzept der Elementarisierung", das elementare Strukturen von Schülererfahrungen mit denen der Unterrichtsthemen korreliert. Ab den 1980er Jahren gerät der Strom in Bewegung: Es entstehen Engstellen durch Unklarheiten in den Erfahrungs- und Glaubensbegriffen, unzureichende Beachtung tatsächlicher Entwicklungsschritte im Glauben und offene Fragen zur Rationalität und Dialektik des Verhältnisses von Erfahrung und Glaube. Der Diskurs spaltet sich in der Gegenwart in mehrere "Delta-Arme": biographisch orientierte, symboltheoretische und performative Konzepte des Religionsunterrichts. Bitter konstatiert abschließend, dass die Frage nach dem Verhältnis von Erfahrung und Glaube noch immer offen ist und warnt vor einer neuen Sachlichkeit, die empirisch argumentierend aus Furcht vor dem fernen Gott die Aufmerksamkeit von der Transzendenz ablenken könnte.