Der Artikel behandelt die Frage, wie sprachsensible und subjektorientierte Lernprozesse dazu beitragen können, mit Othering in der religiösen und interreligiösen Bildung konstruktiv umzugehen. Die Autoren legen zunächst die religionspädagogische Relevanz von sprachsensiblen Bildungsprozessen dar und arbeiten aktuelle Reflexionen des Othering-Phänomens in der religionspädagogischen Literatur auf. Othering wird definiert als das statische Fremdmachen von Personen oder Gruppen in negativer Absicht bezüglich der Dimensionen Zeit, Raum und Körper, wobei implizite Differenzkonstruktionen zwischen Menschen verschiedener Religionen oder Weltdeutungen entstehen. Der Artikel präsentiert das Forschungsdesign einer empirisch-qualitativen Interventionsstudie zum Titel "Interreligiöses Lernen durch Erklärvideos", die im Wintersemester 2022/2023 an der RWTH Aachen University mit 17 Studierenden (überwiegend des Fachs Katholische Theologie Gymnasiallehramt) durchgeführt wurde. Die Intervention umfasste Begegnungen im interreligiösen Teamteaching, eine Moschee-Exkursion, die religionspädagogische Reflexion mit Erklärvideos und deren technische Produktion sowie Präsentation. Die Datenerhebung erfolgte durch Gruppendiskussionen vor und nach der Intervention. Bei der Datenauswertung wurde die interpretative Methode nach Mayring angewandt. Die inhaltsanalytische Auswertung zeigt, dass die Studierenden nach der Intervention eine erhöhte Sensibilität für den Umgang mit Othering entwickelt hatten. Bei einer konkreten Unterrichtssituation (muslimischer Gebetsruf) reagierten die Studierenden mit drei verschiedenen Ansätzen: (a) Verständnis für natürliche Fremdheitserfahrungen, (b) Ablehnung unangemessener Reaktionen gegenüber anderen Religionen und (c) aktives Nachfragen, warum etwas fremd wirkt. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass die Produktion von Erklärvideos als digitales Lernformat ein großes Potenzial zur Entwicklung von Vielfaltskompetenz und Ambiguitätsakzeptanz bietet. Die Autoren diskutieren, dass subjektorientierte Lernprozesse mit Erklärvideos es ermöglichen, subjektive Theorien und Vorurteile zu externalisieren und zu reflektieren. Interreligiöses Teamteaching und konkrete Begegnungsmöglichkeiten sind dabei zentral, um Religion nicht nur als Differenzkategorie zu konzeptualisieren. Die Ergebnisse legen nahe, dass die Reflexion von Othering in der Hochschullehre und Lehrkräfteausbildung verstärkt werden sollte, um angehende Religionslehrkräfte auf den Umgang mit religiöser Vielfalt vorzubereiten.