Der Artikel von Weihs und Epp untersucht zwei pädagogische Konzepte, die bislang wenig aufeinander bezogen werden: das biografische Lernen in der Religionspädagogik und die biografische Arbeit in der Sozialpädagogik. Beide Disziplinen verfolgen unterschiedliche Absichten – die Sozialpädagogik zielt auf den Abbau von Benachteiligungen, die Religionspädagogik auf Religiosität und Glaube – teilen aber wesentliche historische Wurzeln und grundlegende Fluchtpunkte. Unter den Gemeinsamkeiten werden herausgestellt: die Orientierung an Selbstbestimmung, Autonomie und Mündigkeit von Individuen sowie die Bedeutung, die der Biografie beigemessen wird. Beide Ansätze verstehen Bildungs- und Beratungsprozesse als Unterstützung zur selbstbestimmten Selbstwerdung und verfolgen Konzeptionen zur Erprobung von Bedeutungszuschreibungen und Selbstreflexivität. Die charakteristischen Unterschiede werden deutlich anhand der unterschiedlichen Kontexte und Zielgruppen: Während biografische Arbeit auf akute persönliche oder soziale Notlagen reagiert und in Einzelberatungen stattfindet mit rückwärtsgerichtetem Blick auf Ressourcen und Bewältigung von Krisen, vollzieht sich biografisches Lernen in schulischen Klassenkontexten mit vorwärtsgerichtetem Blick auf Lebensentwurfskompetenz. Ein kategorialer Unterschied liegt darin, dass Religionsunterricht explizit religiös-christliche Angebote zur Welt- und Selbstdeutung einspielt, während Sozialpädagogik religiöse Aspekte eher aufgreift, wenn sie von den Klienten selbst eingebracht werden. Der Artikel argumentiert für einen produktiven interdisziplinären Dialog, der gegenseitige Wertschätzung fördert, zu besserem Verständnis der jeweils anderen Konzeption führt und Synergien für Theoriebildung und Praxis erschließt.