Einem Kirchenmusikdirektor aus Passau ist es zu verdanken, dass das Thema Kulturdiakonie bzw. kulturelle Diakonie aus ganz verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird: Marius Schwemmer, Ständiger Diakon, Diözesankirchenmusikdirektor und Hochschullehrer, hat einen Sammelband vorgelegt, der kurioserweise mit zwei Untertiteln zu finden ist. Während es in der gedruckten Ausgabe heißt: „Kulturdiakonie. Chancen für eine Kirche von morgen“, ist bei Onlinehändlern auf dem Coverbild (noch) zu lesen: „Kulturdiakonie. Auftrag für eine Kirche von heute.“ Der wohl wieder verworfene Untertitel trifft meines Erachtens sehr viel besser die Dringlichkeit, sich als Kirche mit diesen Fragestellungen zu beschäftigen. Das Buch vereint Beiträge folgender Autoren: José Tolentino Kardinal Calaça de Mendonça, Gianfranco Kardinal Ravasi, Wolfgang Beck, Ralph Bergold, Reinhold Bernhardt, Michael N. Ebertz, Friederike Dostal, Marc Grandmontagne, Bernhard Kirchgessner, Stefan Klöckner, Jakob Johannes Koch und Ludwig Mödl. Die Autoren bieten eine zum Teil tiefgehende Analyse des Begriffs „Kultur“, der Beziehung zwischen Kirche und Kultur und dem Zusammenspiel zwischen Evangelium und Kultur. Die Beiträge plädieren für eine starke kulturelle Diakonie, die nicht gegen die soziale Diakonie auszuspielen ist, zumal es, wenn es um die Rahmenbedingungen unseres Zusammenlebens geht, große Schnittstellen gibt. Im Vorwort des Buches definiert Marius Schwemmer den Begriff „Kulturdiakonie" als eine Synthese von Kultur und diakonischem Handeln der Kirche. Es geht darum, dass Kirche nicht nur als Bewahrerin kultureller Traditionen agiert, sondern vor allem aktiv kulturelle Prozesse und dadurch das gesellschaftliche und individuelle Leben mitgestaltet und fördert. Dies beinhaltet, Kunst und Kultur als Ausdrucksformen des menschlichen Daseins zu unterstützen, Dialog, Gemeinschaft, Demokratie zu fördern und – ein hehres Ziel – Frieden zu stiften. „Kulturdiakonie“ versteht sich somit als Dienst der Kirche an der Gesellschaft durch kulturelles Engagement, das die spirituelle und die soziale Dimension des menschlichen Lebens anspricht. Dabei ist der Begriff Kultur untrennbar verwoben mit dem Begriff der Bildung. Der Begriff „Kulturelle Diakonie" wurde von dem Theologen, Publizisten, Erwachsenenbildner und ehemaligen Leiter der Akademie Rabanus Maurus Gotthard Fuchs geprägt, während der Theologe und Hochschullehrer Ludwig Mödl den Begriff „Kulturdiakonie" verwendete. Beide Konzepte seien, so Schwemmer, bisher noch zu wenig rezipiert. Denn es stelle sich weiter die Frage, welcher Kulturbegriff in der katholischen Kirche Anwendung finden sollte, damit Kultur als maßgeblicher Teil einer lebendigen modernen Kirche verstanden wird. Zudem müsse diskutiert werden, wie das Evangelium mit der Gegenwartskultur zusammengebracht werden könne, um das eigene Leben und seine Umwelt sinnstiftend und menschenwürdig zu gestalten. Das Buch zeigt auf, wie die Kirche durch aktives kulturelles Engagement ihre Relevanz in der modernen Gesellschaft stärken, wie Kirche in der Welt sein kann. Denn, so eine These von Marc Grandmontagne, die Menschen haben sich nicht von der Kirche entfremdet, sondern die Kirche von den Menschen. Der Autor, renommierter Kulturwissenschaftler und Publizist, reflektiert in seinem Beitrag über die Herausforderungen und Chancen der Kulturdiakonie in der Welt von heute. Er betont dabei, dass die Kirche neue Wege finden müsse, um Menschen zu erreichen. Er plädiert für innovative Formate und eine Offenheit gegenüber modernen Kulturformen, um die Botschaft des Evangeliums zeitgemäß zu vermitteln: „Eine Kirche, die sich kulturell verschließt, läuft Gefahr, den Anschluss an die Gesellschaft zu verlieren." Er spannt einen Bogen zu Jesus Christus, der für Mut, Aufbruch und Veränderung stehe. Und er betont, dass die Zeiten gar nicht so säkular seien, vielmehr seien es gerade jetzt Zeiten großer Glaubensdebatten, in der die Kirche nötiger als jemals zuvor gebraucht werde. Wolfgang Beck, Theologe und Professor für Pastoraltheologie und Homiletik an der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen in Frankfurt, legt in seinem klugen und erhellenden Beitrag „Kultur als Ort einer homiletischen Praxis?“ den theologischen Grundstein für das Konzept der Kulturdiakonie. Er betont die Notwendigkeit, dass die Kirche kulturelle Ausdrucksformen nicht nur toleriert, sondern aktiv fördert. Mit zwei „Anders-Orten“, einer (literarischen) Tankstelle und einem Dorfgasthaus, werden die theoretischen Ausführungen zu einer heilsamen Verunsicherung, zu Wirklichkeitskonstruktionen, zu Homogenitätsfiktion, zur dialogischen Grundhaltung und der Bereitschaft zu einer lebensdienlichen Theologie, sich an gegenwartskulturelle Diskusorte zu begeben, begreifbar. Er argumentiert außerdem, dass kulturelle Teilhabe ein wesentlicher Aspekt der christlichen Nächstenliebe ist. Und in seiner Fürsprache geht er sogar noch weiter, wenn er schreibt: „Eine Kirche, die nicht den verschiedenen Künsten Raum gibt, ist gleichermaßen arm an Strahlkraft wie eine Kirche, die keine dem Reflexionsniveau der Zeit entsprechende Theologie fördert und pflegt." „Das musisch-ästhetische Engagement der Kirche kommt nicht nur ihren Mitgliedern, sondern auch der Gesamtgesellschaft zugute – weit mehr, als diese prima vista ahnt“, so beginnt Johannes Koch, Pastoralreferent, Kulturreferent der Deutschen Bischofskonferenz und Konzertsänger, sein eloquentes Loblied auf die Kultur, die für ihn als „Menschseinsvorsorge“ überlebensnotwendig und systemrelevant ist. Er betont zudem die Bedeutung von Kooperationen zwischen Kirche und lokalen Kulturakteuren, um ein Miteinander auf Augenhöhe zu ermöglichen. Auch rekurriert er auf die Bedeutung der Kirche bei Geschichtsdeutung und Erinnerungskultur. In „Gaudium et spes“ sieht Koch die Magna Charta der kirchlichen Kulturdiakonie. Die Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils, die die Beziehung der Kirche zur modernen Welt thematisiert, betont die Bedeutung der Kultur für die menschliche Entwicklung und fordert die Kirche auf, aktiv am kulturellen Leben teilzunehmen und es mitzugestalten. Koch sieht in einem starken kulturdiakonischen Wirken eine Chance für die Kirche, ihre Krise zu überwinden. Ralph Bergold, Soziologe und Leiter des Katholisch-Sozialen Instituts (KSI) in Siegburg, analysiert die gesellschaftlichen Auswirkungen einer aktiven Kulturarbeit der Kirche. Auch den Begriff der kulturellen Bildung entfaltet er in seinem Beitrag. Kulturelle Bildung beziehe sich, so Bergold, keinesfalls auf eine Expertenkultur weniger, sondern betreffe die Lebensbereiche aller. Er stellt fest, dass solche Initiativen einen wesentlichen Beitrag zum sozialen Zusammenhalt, zu einer solidarischen und menschenwürdigen Gesellschaft leisten können. Bergold argumentiert, dass die Kirche durch kulturelles Engagement Brücken zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen bauen könne und somit zur Integration und Verständigung beitrage. Aber auch auf individueller Ebene fördere kulturelle Bildung eine lebensstärkende und persönlichkeitsbildende Beziehung zu sich selbst und schließlich zu einer lebenstragenden und -ermutigenden Beziehung zu Gott. Für die Entscheidungsträgerinnen und -träger in der Kirche ist der Sammelband „ KulturDiakonie“ ein ans Herz gelegter Lektüre-Tipp, man möchte fast sagen eine Pflichtlektüre, wenn das Wort nicht so abgegriffen und bevormundend klänge – dies in Zeiten, in denen nahezu alle Diözesen Umstrukturierungen und Sparmaßnahmen angehen (müssen). Gerade jetzt sucht Kirche noch einmal mehr nach neuen Wegen, ihre Relevanz in der Gesellschaft zu stärken, den Zugang zu Menschen nicht zu verlieren und das Evangelium in die Gegenwart zu übersetzen. Hier liefert dieses Buch – neben einer fundierten theologischen Basis – praxisorientierte Ansätze und Handlungsempfehlungen. Die Lese-Empfehlung bezieht sich im Übrigen explizit nicht nur auf die hier exemplarisch herausgegriffenen Autoren. Zusammenfassend könnte man mit den Autoren zusammen einen dritten Titel vorschlagen: „Kirche und Kulturdiakonie. Auftrag, Chance und Überlebensstrategie“. Würzburg: Echter Verlag. 2024 262 Seiten 24,90 € ISBN 978-3-429-05955-2