Edward O. Wilson, amerikanischer Biologe und Träger sowohl zahlreicher wissenschaftlicher Auszeichnungen als auch des Pulitzer-Preises, geht in seinem neuesten Buch der Frage nach dem Sinn des menschlichen Lebens aus evolutionsbiologischer Sicht nach; außerdem versucht er Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft zu vereinen. Sein Buch ist essayistisch angelegt, in manchen Kapiteln thematisch etwas sprunghaft, stellenweise durchaus humorvoll und durchweg mit spannenden Fakten aus der Tierwelt untermauert. Es lässt sich gut lesen, was aber auch daran liegt, dass Wilson dem philosophischen Kern der Frage aus dem Weg geht. Er benennt zwei Bedeutungen von Sinn. Erstere ist zweckgerichtet und fragt nach dem Wozu; sie findet sich in der philosophischen Weltsicht der Religionen. Die zweite, umfassendere Bedeutung fragte nach dem Warum, nach dem wissenschaftlichen Sinn der menschlichen Existenz. Der Biologe verkennt dabei, dass trotz der sinnvollen Erklärungen der Evolution ein zweites, dahinterstehendes Warum bleibt und trotz des Versuches, die Trennung von Physik und Metaphysik aufzuheben, die klassische Frage „Warum ist etwas und nicht nichts?“ ihre Bedeutung nicht verliert. Der Grund der menschlichen Existenz liegt für Wilson in der Evolution. Um der Geschichte der Menschheit nachzugehen, müsse die biologische und kulturelle Gesamtevolution als nahtlose Einheit erforscht werden. Nachvollziehbar beschreibt er den Weg der Menschheit vom Tier zum sozial organisierten Wesen: Durch Eusozialität, Gehirnwachstum und Selektion ist der Mensch geworden, was er ist. Die Evolution hat ihn zwar zu einem „sensomotorischen Krüppel“ gemacht, ihn aber erfolgreicher als beeindruckende Superorganismen wie beispielsweise die Treiberameisen gemacht, da er zum einen nicht ausschließlich instinktgebunden und zum anderen egoistisch ist. Von dem Bild der Menschheit als Folge der Evolution wagt der berühmte Ameisenforscher einen Blick auf Mikroorganismen in der Galaxie und entwirft ein mögliches Porträt eines Außerirdischen, indem er aus der Evolution auf dessen Aussehen schließt. Ein weiterer Exkurs blickt auf die Ursachen der Zerstörung von Biodiversität und betont die Notwendigkeit, Altenvielfalt zu erfassen, um diese schützen zu können. In diesen Ausführungen bleibt die Geisteswissenschaft ausgeklammert. Bereits zu Beginn indes betont Wilson die „Unumgänglichkeit der Geisteswissenschaft“. Sie sei nötig, um die kulturelle Evolution zu erklären und um Dilemmata wie die Frage nach Diversität angesichts des Abnehmens genetischer Unterschiede durch die Globalisierung zu lösen. Zudem erwartet er bei den Geisteswissenschaften eine weitere Evolution und fast unbegrenzte Diversifizierung, während er den naturwissenschaftlichen Entdeckungen und technologischen Fortschritten einen ablaufenden Lebenszyklus zuschreibt. Den Habitus beider Wissenschaftskulturen kritisiert er allerdings, sie müssten vereint werden. In den letzten beiden Teilen des Buches spielt die Geisteswissenschaft eine Rolle. Zum einen geht der Autor auf die Geisteswissenschaft in Bezug auf das Erfassen des Bewusstseins und des freien Willens ein, was zu erforschen allerdings Aufgabe der Neurowissenschaft ist und nicht der Philosophie, die sich seit über 2000 Jahren erfolglos mit dieser Frage „abmüht“. Zum anderen spricht er über den instinktiven Reiz der Religionen. Religion ist zwar „für das menschliche Gehirn gemacht“ und hat psychologischen Nutzen, führt aber aufgrund des dahinter stehenden Tribalismus zu Leid und Gewalt. Glaube, so Wilson, ist Unterwerfung. Er plädiert daher dafür, „uns von Dämonen und Stammesgöttern zu befreien“, um in dieser wirklichen Welt zu leben. Im abschließenden Kapitel „Eine Zukunft für den Menschen“ betont Wilson, der Mensch – allein im Universum, zufällig entstanden und daher frei – ist nicht von Natur aus böse. Er kann die Erde zu einem Paradies machen, lässt er sich nicht durch genetische Einflussfaktoren stören. Diese Faktoren muss der Mensch zu einer „toleranten parasitären Belastung“ reduzieren, indem er Mythen objektiv analysiert und ihre historische Herkunft herausarbeitet sowie mithilfe von Theologen die Anführer von Religionen zur Verteidigung ihrer Position und damit einhergehend zu einer kausalen und historischen Analyse bringt. Er schließt: „Wenn die heuristische und analytische Kraft der Naturwissenschaften sich mit der introspektiven Kreativität der Geisteswissenschaft verbinden lässt, dann wird das menschliche Leben einen unendlich produktiveren, interessanteren Sinn bekommen.“ Wie eine solche Verbindung aussehen soll, bleibt Wilson, für den die Biologie die Grundlage zum Verständnis aller menschlichen Entwicklungen und Vollzüge bildet, schuldig. Wenn auch die (soziale) Evolution lesenswert skizziert wird, so hapert es an einer fehlenden Bestimmung zentraler Begriffe wie Geisteswissenschaft und Religion. Selbst die Bedeutung von Sinn bleibt im Zusammenhang des Wortgebrauchs von Zweck und Grund unklar. Liest man das Buch als ein Buch von einem renommierten Ameisenforscher, in dessen Weltbild die Biologie den Anspruch des letzten Wortes erhebt, so ist es insgesamt informativ und gut erzählt und damit als Buch über die Evolutionsbiologie eine lohnende Lektüre. Der Leser, der allerdings tatsächlich mehr über den Sinn des menschlichen Lebens erfahren möchte, wird von Wilsons flacher Deutung von Sinn und seinen naturalistischen Vorannahmen enttäuscht sein. München: C.H. Beck Verlag. 2015 208 Seiten 19,95 € ISBN: 978-3-406-68170-7