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EulenfischHartmut Sommer

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Hartmut Sommer

Rezension: Corine Pelluchon: Das Zeitalter des Lebendigen

Veröffentlichung:5.12.2022

Rezension der Veröffentlichung Das Zeitalter des Lebendigen von Corine Pelluchon, erschienen im Eulenfisch Literatur Magazin.

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Nicht weniger als neues „Zeitalter des Lebendigen“ will die französische Philosophin Corine Pelluchon mit ihrem Werk einläuten. Eine neue Aufklärung soll den Weg zu einer „anthropologischen Revolution“ ebnen, die Natur und Kultur durch einen ökologisch vertretbaren Ausgleich versöhnt, um die Übel zu heilen, die zu hemmungsloser Ausbeutung der Natur bis hin zur Gefährdung des Überlebens der Menschheit geführt haben. Die Übel selbst, die sie heilen will, liegen offen jedermann vor Augen: enthemmter Konsum, entgrenzter Wettbewerb, die „Kommerzialisierung des Lebendigen“, wofür die Massentierhaltung ein grausames Beispiel ist, sowie die Ausraubung der Ressourcen, Vermüllung der Meere und die globale Klimaveränderung usw. Die Wurzel dieser Übel sucht Pelluchon im Anschluss an die neomarxistische Frankfurter Schule in einer gescheiterten ersten Aufklärung des 18. Jahrhunderts, deren Fortschrittsdenken verbunden mit einem Naturbeherrschungsprojekt und einem Anthropozentrismus, der alles vom Menschen aus und auf ihn hin denkt, schließlich in Tyrannei umgeschlagen sei, in eine Gesellschaftsordnung, die im Dienste der Rentabilität und der Profitmaximierung steht. Die Vernunft, die nach den Vätern der Aufklärung zur Emanzipation aus Unmündigkeit und Fremdbestimmung führen sollte, sei zu einem „irregeleiteten Rationalismus“ geworden, der „Selbsterhaltung und Nutzen zunehmend zu Wahrheitskriterien erhoben hat“. Diese rein auf das Nützliche ausgerichtete Rationalität kenne nur noch das Berechenbare und sei blind für die umfassende Lebenswirklichkeit. Als „instrumentelle Vernunft“, die an die Herrschaft „gekettet“ ist und einer „selbstzerstörerischen Logik“ folgt, sei sie verantwortlich für die Barbarei der Moderne bis hin zu Auschwitz. Der Autorin schwebt eine neue Aufklärung vor, die das emanzipatorische Projekt der ersten Aufklärung bewahrt, ihre Fehler aber korrigiert. Dazu müsse mit einem „Gesellschaftsprojekt“ ein Wechsel des „Schemas“ eingeleitet werden. Unter „Schema“ versteht sie die eine Gesellschaft prägenden Denk- und Verhaltensmuster, die sich „in den Köpfen und Herzen einnisten“. Das Naturbeherrschungsprojekt in verhängnisvoller Verbindung mit der kapitalistischen Wirtschaftsordnung habe ein „Unterdrückungs- und Herrschaftsschema“ durchgesetzt, das durch ein Bedürfnis, andere zu beherrschen, und durch ein „räuberisches Verhalten gegenüber der Natur und den anderen Lebewesen“ gekennzeichnet sei. Es müsse ersetzt werden durch ein „Wertschätzungsschema“, das den Menschen ihre Zugehörigkeit zur gemeinsamen Welt bewusst macht und ihnen Respekt vor der Natur und den anderen Lebewesen vermittelt. Sogleich stellt sich die Frage, wie sich dieser Wandel bewirken ließe. Religion kann aus der Sicht der Autorin nichts dazu beizutragen. Dabei wäre die christliche Sicht auf den Menschen als einmalige leibseelische Person und auf die Natur als Schöpfung, die uns zur Bewahrung anvertraut ist, ein genau in diese Richtung gehender Beitrag. Jürgen Habermas etwa sieht in „rettenden Formulierungen“, die religiöse Sinngehalte „übersetzen“, einen Weg, um sie für säkulares Denken weiter fruchtbar zu machen. Pelluchon verschließt sich dem. Für ihren naturalistischen Zugang sind Metaphysik und religiöse Weltsicht keine gangbaren Wege. Sie will es mit „universalisierbaren Existenzstrukturen“ versuchen, „die der Idee von der Einheit der menschlichen Gattung und der conditio humana einen Sinn verleihen“. In ausdrücklicher Entgegensetzung gegen die christliche Auffassung vom Menschen als Person, die eben nicht nur Exemplar einer Spezies ist, eine Sicht, die seit Boethius das abendländische Denken bestimmte, geht sie von der Körperlichkeit des Menschen aus. In ihr zeige sich die conditio humana des Menschen als „fleischliches Wesen“ mit seiner Verletzlichkeit, Sterblichkeit und seiner Abhängigkeit von der Fürsorge anderer Menschen und von der Umwelt. Diese Erkenntnis führe mit einer neuen Anthropologie zugleich zur Wertschätzung der Natur und anderer Wesen, die „das Herrschaftsschema außer Kraft“ setze. Damit schließt sie an vorherige Werke an, in denen sie eine „Phänomenologie der Körperlichkeit“ entwickelt hat. Auf den für ihre „anthropologische Revolution“ zentralen Zusammenhang von Körperlichkeit, Verletzlichkeit und Abhängigkeit von einer gemeinsamen Welt mit einer daraus entstehenden Wertschätzung und dem Wunsch, „Sorge für unsere Erde und andere“ zu tragen, kommt die Autorin aus verschiedenen Blickwinkeln wie der Erziehung, dem Transhumanismus, der Technik und der Demokratie zurück. Zunächst ist zu diesen Gedankengängen Pelluchons anzumerken, dass es nicht gelingen will, die westlichen Demokratien, die sie wohl vor allem adressiert, in ihren Formulierungen wiederzuerkennen, wenn sie von ihnen als „System“ spricht mit „Lenkern liberaler Oligarchien“ und „amtierenden Machthabern“, das auf die Herrschaft über andere ausgerichtet sei. Zweifellos sind die modernen westlichen Gesellschaften Leistungsgesellschaften, aber wer wollte wirklich ernsthaft behaupten, die von ihren Institutionen praktizierte Erziehung fördere ein „instrumentelles Verhältnis zum Körper“, sodass dann der Körper uns dazu dient, „andere zu beherrschen“, wie wir es in diesem Buch finden. Problematisch klischeehafthaft ist auch Pelluchons scharfe Entgegensetzung von Aufklärung und Gegenaufklärung. Die Autorin beschreibt sie mit folgenden Begriffspaaren: Autonomie – Heteronomie; Unbestimmtheit – Teleologie; Evolution – Essentialismus; Diversität – Homogenität; Freiheit – Schicksalhaftigkeit; Emanzipation – Verwurzelung; Kosmopolitismus – Nationalismus. Erst die vermittelnde Verbindung beider Pole führt doch zu einem wahren Bild der Wirklichkeit. Grade die Anerkenntnis der Teleologie etwa, also eines der Natur eigenen Strebens mit seinen natürlichen Grenzen, ist grundlegend für ein ökologisches Denken (Robert Spaemann). Und die Verwurzelung in einer Heimat als eines vertrauten und schützenden Nahraumes ist Ansporn, dieses Umfeld zu hegen und zu pflegen. Vor allem aber sind einige grundsätzliche Einwände gegen Pelluchons Darlegungen zu erheben. Instrumentelle Vernunft als werkschaffende (poietische) Vernunft ist so alt wie die Menschheit und vom Faustkeil an naturgemäß neutral gegenüber den Zwecken, für die sie eingesetzt wird. Sie kann Pflüge schmieden und Schwerter. Zyklon B ist ebenso wenig verantwortlich für den Massenmord der Shoah wie die Verwaltungsprozesse, die Eichmann einsetze, um die zur Vernichtung bestimmten Menschen effizient auf Konzentrationslager zu verteilen. In ihnen selbst liegt keine Tendenz zum Bösen. Was aber tatsächlich den Boden für die moderne Barbarei bereitet hat, ist die Herabwürdigung des Menschen zu einem rein materiellen, biologischen System, die in der materialistischen Richtung der Aufklärung ihren Anfang genommen hat, bei Julien Offray de La Mettrie etwa noch mechanistisch aufgefasst als L’Homme Machine, als Maschinenmensch, was heute mit der neurophilosophischen Beschreibung des Menschen nach dem Bild eines informationsverarbeitenden Systems seine modernisierte Fortsetzung findet. Der Positivismus ist nur die methodische Kehrseite dieser Reduktion des Menschen auf das physisch Gegebene. Nichts sichert dann die unverletzliche Würde des Menschen und allzu leicht fallen die Hemmschwellen für den Einsatz der „instrumentellen Vernunft“ im Dienst des äußersten Bösen, indem man etwa Behinderte oder ethnische Minderheiten zum „unwerten Leben“ erklärt, das ausgemerzt werden kann. Dies gilt auch für die unbelebte und belebte Natur. Sind sie jeder eigenen Würde entkleidet und nur noch verwertbarer, formbarer Stoff beziehungsweise biologisches System, steht nichts ihrer hemmungslosen Nutzung und Ausbeutung entgegen. Auch Pelluchons naturalistische Sicht auf den Menschen als Körper in einer „biotischen Gemeinschaft“ hat keine Sicherungen gegen die Entmenschlichung des Menschen, denn was sollte seine besondere Würde begründen, wenn er lediglich ein „fleischliches Wesen“ ist, komplex organisierte Materie, die sich nicht von anderen physischen Gegebenheiten unterscheidet. Und es stellt sich die Frage, ob die Erkenntnis der eigenen Verletzlichkeit, Abhängigkeit und Sterblichkeit, aus der sich nach ihr die Wertschätzung ableitet, nicht vielmehr dazu führen kann, dass man bestrebt ist, sich das größte Stück vom Kuchen zu sichern, solange es geht, und den oder das andere seinem Willen und seinen Bedürfnissen zu unterwerfen, also eben doch Herrschaft anzustreben. Pelluchons Landsmann Jean-Paul Sartre hat dies in seinem Werk „Das Sein und das Nichts“ ausführlich durchbuchstabiert. Für ihn gilt sogar: „Der Konflikt ist der ursprüngliche Sinn des Für-Andere-Seins“ und Liebe ist „ihrem Wesen nach ein Betrug“. Sicherlich ist das nicht das Wesen menschlicher Beziehungen, wie es Sartre unterstellt, aber doch eine stets mögliche Entgleisung. So ist bemerkenswert, dass Liebe, die eigentliche und beständige Grundlage für ein rücksichtsvolles und fürsorgliches Verhältnis zum anderen, so gut wie gar nicht in Pelluchons Konzeption für ein „Zeitalter des Lebendigen“ vorkommt. Dabei ist vor allem sie der Schlüssel für ein wahres „Zeitalter des Lebendigen“, denn sie ist ein Grundbedürfnis und – in Selbstlosigkeit vollzogen – die Quelle für Glück und gelingendes Leben. Es kommt also darauf an, die Liebe zum Geschöpflichen zu fördern und zu wecken. Die speist sich aus der intuitiven Erfahrung, selbst angesichts der einfachsten Kreatur etwas Unvergleichlichem gegenüberzustehen, was im Kern eine religiöse Erfahrung ist, die über uns, unsere Verletzlichkeit und über unsere Bedürfnisse hinausweist. „Die sogenannten ästhetischen und religiösen Bedürfnisse“, so Robert Spaemann, „sind elementare Bedürfnisse nach der Existenz dessen, was grade nicht durch ein menschliches Bedürfnis definiert ist. Woher stammt denn die Trauer, die uns ergreift, wenn wir erfahren, daß in einer unbewohnten Region der Welt eine Tierart ausgerottet wurde? Wir sind darüber traurig, obgleich wir wissen, daß wir selbst uns niemals am Anblick dieser Tiere hätten erfreuen können. Es gibt eine natürliche Transzendenz des anthropozentrischen Denkens.“ Man stelle sich zur Verdeutlichung kurz das Bild der Tierschützer in Gummistiefeln vor Augen, die zur Laichzeit liebevoll Kröten in Eimern sammeln und über die Straße tragen, die den gewohnten Weg der Tiere zu einem Tümpel quert. Hier zeigt sich etwas, das weit mehr ist als eine „Wertschätzung“ oder die noch schwächere „considération“, wie es ja im französischen Original heißt, was der distanzierten „Aufmerksamkeit, Beachtung oder Berücksichtigung“ nähersteht. Eine neue Philosophie der Aufklärung Aus dem Französischen von Ulrike Bischoff Darmstadt: wbg Academic. 2021 319 Seiten 50,00 € ISBN 978-3-534-27360-7

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